Unterwegs
Die rechten Schatten unserer Vergangenheit
veröffentlicht von Lou Antoinette Godvliet am 06.12.2015 unter Unterwegs
Wirft man einen Blick auf die deutsche Geschichte werden wir einen dunklen Fleck darin finden. Jeder weiß was gemeint ist, doch nur wenige schauen hin.
Die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg gilt beinahe als Tabuthema, warum aber genau das der Fehler ist erklärt unsere Autorin Lou Antoinette Godvliet.

Erschütternd ist, dass der Nationalsozialismus zwar als prägender Teil unserer Geschichte ein Pflichtthema des deutschen Geschichtsunterrichts darstellt, dennoch aber meist nur kurz angeschnitten wird. Woran liegt das? An dem weitgefassten Lehrplan der wenig Luft nach Oben lässt oder etwa an der Scham, die einen ergreift sobald das Thema zur Sprache kommt?- "Es ist schwierig das Thema in einer guten Qualität mit genügend Raum zu unterrichten." berichtet Frau Dr. Schrader, die Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge seit 1994 anhand von vielen Lehrergesprächen.

Klar ist, dass der Nationalsozialismus Deutschland nicht nur zu dem machte, was es heute ist, sondern leider auch stets von Aktualität durch die Neo-Nazis zeugt und die deutschen Vorurteile beeinflusste. Die internationale Vorstellung eines pünktlichen, strengen und organisierten Deutschen kommt ja nicht von ungefähr. Tatsächlich begegnet uns das Thema öfter als wir vermuten und sowohl die Regierung als auch das Volk scheut sich vor der Auseinandersetzung damit.

Doch eben dieses Verhalten begünstigt eine solche Ideologie und die Menschen übersehen oder weigern sich zu erkennen, dass eine Diktatur wie damals jederzeit wieder möglich wäre. Und nicht nur das, "Wir leben in einer Welt in der andauernd Menschenrechte verletzt werden, in der es staatliche Willkür gibt und wir schauen praktisch tatenlos zu." Pegida war ein medialer Aufhänger, wodurch das Thema seit langem wieder einmal so groß angesprochen wurde.

Rechte Demos sind in Wuppertal nicht selten, die Gegendemos zum Glück stets umfangreicher. Auch das erschreckend hohe Wahlergebnis der Pro NRW Partei von 2,94% bei der diesjährigen Oberbürgermeisterwahl sollte den Menschen doch eigentlich noch einmal die Augen geöffnet haben, oder? Das sind immerhin bei einer Wahlbeteiligung von 36,9% ca.3720 Menschen alleine in Wuppertal.

Ich persönlich las in meiner Grundschulzeit das populäre Tagebuch der Anne Frank, sodass dies mein Erstkontakt mit dem Thema wurde. Daraufhin folgt eine lange Trockenphase, da ich ja auch viel zu jung war um das alles zu verstehen. Erst der Geschichtsunterricht in der 9ten Klasse griff das Thema dann wieder auf - allerdings nur für zwei Wochen, dann war das Schuljahr vorbei. Schuld mag der neue G8 Lehrplan sein, sodass die Lehrer ihr Zeitmanagement aus den Augen verloren, aber auch von Freunden bekam ich mit, dass das Thema Nationalsozialismus entweder viel zu kurz durchgenommen wurde oder ständig durch Lehrerwechsel aufs neue durchgekaut wurde.

Ich muss sagen, dass beides keine optimale Lösung darstellt. Innerhalb von zwei Wochen ist es unmöglich das ganze Thema aufzubereiten, aber auch eine ständige Wiederholung ohne in die Tiefe zu gehen kann ein Banalitätsgefühl bei den Schülern hervorrufen. Besonders den theoretischen Ansatz der Schule empfinde ich als völlig falsch. Immerhin gibt es unzählige Möglichkeiten das Thema anschaulich zu vermitteln. Eine Möglichkeit sind neben den Büchern und dem Geschichtsunterricht natürlich die Gedenkstätten wovon Nordrhein Westfalen ganze 26 Stück besitzt.

"Durch diese hat sich die Erinnerungskultur geradezu institutionalisiert. Aber auch insgesamt finde ich, dass wir in Wuppertal gut mit Angeboten zur Aufbereitung der nationalsozialistischen Thematik aufgestellt sind." äußert sich Frau Dr. Schrader zu der aktuellen Situation. Noch wichtiger finde ich aber die Zeitzeugen Begegnungen, wovon ich auch schon fünf miterleben durfte. Zeitzeugen können natürlich immer nur soviel erzählen wie sie erlebt haben, allerdings verdeutlichen sie, dass es sich bei den Opfern des Nationalsozialismus um Individuen handelt - und nicht bloß um eine hohe, unvorstellbare Zahl in unserem Geschichtsbuch. Sie berichten von ihrem Schicksal und spiegeln das Gesellschaftliche Bild der damaligen Zeit wieder.

Unter anderem fuhr ich deshalb die vergangenen Herbstferien gemeinsam mit dem Jugendring und dem Arbeitskreis "WIR gegen das Vergessen" nach Paris, um den Zeitzeugen Jaques Altmann zu treffen. Er ist Elberfelder und erzählte uns seine Lebensgeschichte, wie er auf sich allein gestellt mit viel Glück und Hilfe seinen Weg fand, wie er Auschwitz und den Todesmarsch überlebte und schließlich nur noch 29 Kilo wog, wie er wieder zu Kräften kam und nun stolzer Vater und Großvater ist.

Super fit fuhr er mit seinen 92 Jahren mithilfe von öffentlichen Verkehrsmitteln mit uns nach Drancy in den Vorort von Paris wo damals das Internierungslager stand, in dem er auch war. Ich könnte Seiten über die einzelnen Geschichten schreiben, die ich bereits gehört habe und jede von ihnen ging mir ans Herz. Keine von ihnen werde ich je vergessen und ich kann jedem wirklich nur raten, wenn er die Gelegenheit dazu hat, eine Zeitzeugenbegegnung mit zu machen.

Menschen, die einem mit Tränen in den Augen erzählen, wie sie ihre Familie verloren, auch wenn sie einem fremd sind, prägen eindeutig mehr als jeglicher theoretischer Unterricht. Auch bin ich der Meinung, dass den Schulen mehr Möglichkeiten für KZ Besichtigungen gegeben werden müssen, denn diese sind für mich persönlich die zweite wichtige Quelle. Letztes Jahr war ich mit eben derselbigen Gruppe in Auschwitz und ich kann gar nicht beschreiben, was es in mir ausgelöst hat. Diesen Boden zu betreten und die Baracken zu sehen, die zerbombten Krematorien und die Sanitäranlagen...

Man muss es einfach selbst gesehen haben um sich wirklich ein Bild von den damaligen Zuständen und Verhältnissen machen zu können. Solange wir diese Quellen noch haben, sollten wir sie so gut wie möglich nutzen. "Der Mensch ist das einzige Wesen was eine Geschichte hat und sich darüber im Klaren ist." erklärt Frau Dr. Schrader. Und eben deshalb ist es eine Selbstverständlichkeit eines jeden Bürgers, der sich als politisches Wesen begreift ein historisches Bewusstsein auszubilden und sich somit auch mit dem Thema des Nationalsozialismus zu beschäftigen.
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