Protest
Sunay: Nur eine von vielen
veröffentlicht von Marlon Jungjohann am 26.01.2016 unter Protest
Im Theaterstück „Sunays Erwachen oder: Der neue West-Östliche Divan“ greift das „Theater Anderwelten“ die Geschehnisse rund um den islamistischen Terror der vergangenen Jahre auf.
Unsere Gesellschaft ist geeint. Insbesondere ein aktiver Dialog zwischen Nahem Osten und dem Westen sorgt dafür, dass die Religionen und Kulturen des Orients in Europa einen festen Platz haben. Gleiche Chancen und keine Vorurteile – eine Utopie. Eine Utopie, der sich Sunay, Tochter zweier iranischer Migranten, bewusst ist und von der sie sich wünscht, dass sie einmal Realität wird. Doch die Gesellschaft lässt dies, verunsichert durch die zahlreichen im Namen des Islam verübten Anschläge, nicht zu. Sunay beginnt, eine steigende Angst und einen Riss in ihrer Welt zwischen Osten und Westen zu spüren.

In dieser Zeit stößt die studierte Germanistin auf Goethes Werk „Der West-Östliche Divan“, in dem sich all ihre Sehnsüchte und Wünsche nach einem gleichberechtigten Dialog zwischen Okzident und Orient widerspiegeln. Sie beginnt in fiktiven Briefen ein zeitübergreifendes Zwiegespräch mit Goethe zu führen und ihm von ihren Gefühlen und aktuellen Geschehnissen zu berichten. Antworten auf ihre Schilderungen erhält sie dabei in den Gedichten des Klassikers.


Die Inszenierung des Multi-Media Stücks der Autoren Heiner Bontrup und Melanie Mägdefrau im Theater am Engelsgarten ist etwas ganz besonderes. Während des gesamten Schauspiels gibt es nicht einen Dialog. Stattdessen werden die „Briefe“ und Erzählungen Sunays aus dem Off erzählt, während im Hintergrund abstrakte Bilder einer Großstadt auf eine Leinwand projiziert werden. Passend zu den Erzählungen und ihren Stimmungen bietet die Hauptdarstellerin einen Ausdruckstanz, in dem die Gefühle der Protagonistin hervorgehoben und unterstrichen werden. Musikalische Einlagen, etwa eine Rap-Darbietung oder ein Cello-Solo, werden live vorgetragen und gekonnt auf der Bühne inszeniert.


Schwierigkeiten vieler Migrantenkinder, etwa in der Schule, werden in Sunays Monologen unverblümt angesprochen: „Wie sollte meine Mutter, die nie eine Schule besucht hatte, mir den Unterschied zwischen Genitiv und Dativ beibringen?“ NSU-Anschläge, die zu Beginn als „Döner-Morde“ bezeichnet wurden, Angriffe auf Flüchtlingsheime – all das findet hier seinen Platz. Als Symbol dafür, dass Sunay häufig nur noch als eine von vielen Muslimas angesehen wird, zieht sich die Darstellerin eine Weiße Maske vor das Gesicht – eindrucksvoll und einleuchtend. „Wir haben mit vielen jungen intellektuellen Muslimas Interviews geführt und aus deren Lebenserfahrungen etwas extrahiert, das aus der Extreme gelaufen ist“, erklärt Heiner Bontrup, Autor und Regisseur des Theaterstücks. Er habe schon immer etwas über den „West-Östlichen Divan“ machen wollen. „Von Anfang an war mir klar, dass dieses Stück in die Gegenwart zu holen ist. Wir waren auf der Suche nach einer Figur, die die Verknüpfung zwischen diesem etwa 200 Jahre alten Text und der Gegenwart herstellen konnte.“


Melanie Mägdefrau, Co-Autorin des Werks, hält den Dialog zwischen Orient und Westen für notwendig. Sie ergänzt: „Da läuft im Moment sehr viel schief. Es ist interessant, dass die Beziehung zwischen Nahem Osten und Europa schon zu Goethes Lebzeiten ein Thema war und nun trotzdem aktueller denn je ist. Viele der Dinge, die politisch falsch laufen, fußen auch darauf, dass dieser Dialog nicht richtig funktioniert.“


Das „Theater Anderwelten“ hat ein sehr eindrucksvolles Stück mit einer klaren politischen Botschaft geschaffen. Ein sehr eigenes Werk, sowohl mit viel Persönlichkeit als auch mit Durchblick gestaltet. Weitere Aufführungen außerhalb Wuppertals sind bereits in Planung. Mit „Der Blaue Reiter ist gefallen: Oder Europa am Abgrund“, einem Bühnenspiel über die Dichterin Else Lasker-Schüler und den Maler Franz Marc, wird am 10. Februar im Opernhaus ein weiteres Stück Heiner Bontrups für einen außergewöhnlichen Abend sorgen.


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