Später
„Mut zum Pathos, Kinder!“
veröffentlicht von Jana Meyer am 28.01.2012 unter Später
Die Generalprobe zum Musical „Irren ist göttlich“: Unsere Redakteurin war vor Ort im TalTonTheater und hat sich das Chaos aus der Nähe angeschaut.
Das Gebäude, der alte Gewerbehof an der Wiesenstraße, steht um 18 Uhr bereits protzig-funktionell im Dunkeln, es ist grau und eigentlich nur wenig einladend. Das einzige Licht kommt von der Fensterreihe ganz unten, in der sich blass drei weiße „T“ aus Papier gegen das Kronleuchterlicht der Räume dahinter abzeichnen.

Im moosgrün gestrichenen Raum, durch den ich das TalTonTheater betrete, riecht es nach Baumarkt: Holzplatten und Lösungsmittel. Die schweren Sessel und die Glaskronleuchter muten hier nicht deplatziert an, sondern passen irgendwie zur Stimmung: Heutzutage würde man „stylisch“ dazu sagen, aber die bemühte Coolness und die krampfige Andersartigkeit, die das impliziert, fehlen hier. Die goldgerahmten Spiegel, die altrosa und goldfarben gestrichenen Damentoiletten, der Franziskaner Weißbier-Kühlschrank – alles wirkt unbemüht und behaglich.

Künsterhochburg
Die Räume des TalTonTheaters sind frisch renoviert, und noch hat nicht alles seinen Platz gefunden – schließlich ist das Theaterensemble erst vor knapp drei Wochen in die Wiesenstraße 118 eingezogen.

Und doch – hier plant man längerfristig. Jens Kalkhorst, der Regisseur des Musicals „Irren ist göttlich“, dessen Generalprobe ich besuche, lehnt sich im 350 Euro teuren Ledersessel zurück und fängt an zu erzählen: „Ich kann mir gut vorstellen, dass hier ins Gebäude viele andere Künstler einziehen – vielleicht wird das hier so etwas wie eine Künstlerhochburg, wer weiß“.

Beim Theater gibt’s das „Sie“ nur an der Kasse
Herrman-Brause trinkend sehe ich zu, wie noch letzte Hand an den klassisch roten Bühnenvorhang gelegt wird, wie Kostüme genäht und Säulen auf der in schwarz-weiß-grau gehaltenen Bühne hin- und hergeschoben werden. Letzte Absprachen, was Lichttechnik und Musiklautstärke angeht, werden getroffen, ausprobiert und wieder verworfen. Alle sind beschäftigt, wuseln aber nicht chaotisch durcheinander.

Die Aufgeregtheit, die man vielleicht vermutet hätte, fehlt vollkommen. Stattdessen herrscht eine sehr freundliche, gemeinschaftliche Atmosphäre, siezen wird nach dem ersten Wortwechsel abgelehnt. „Beim Theater gibt’s das ,Sie‘ nur an der Kasse“, bemerkt Kalkhorst.

Das Musical, das heute geprobt wird, basiert auf der Operette „Orpheus in der Unterwelt“ von J. Offenbach. Die Story kommt ursprünglich aus der – Achtung! – griechischen Mythologie: Orpheus, ein talentierter Musiker, versucht, seine geliebte Frau Eurydice aus der Hölle zu befreien. Dabei trifft er auf allerlei Götter, Halbgötter und Fabelwesen. Diese Version aber zeichnet ein ganz anderes Bild; Orpheus wird zur Satire und Gesellschaftskritik, verpackt in Duette und Choreinlagen, Soli und Tanznummern – ein zeitgemäßes, bissiges Musical für Musikliebhaber eben.

So schnell wird aus Freundschaft Hass – und umgekehrt
Dass alle Tänzer und Sänger bei der Generalprobe mit höchster Konzentration arbeiten, ist klar. Dass trotzdem eine Menge schiefgeht – sogar schiefgehen sollte, wenn man Profis Glauben schenken will –, ebenfalls. So dauert es nicht lang und der erste Stein des Anstoßes ist gefunden.

Geprobt wird eine Szene aus dem Hades, der griechischen Unterwelt. Drei Sängerinnen räkeln sich wieder und wieder zu Jazz und roter Bühnenbeleuchtung auf den Pappmaché-Säulen. Doch die Technik macht den mittlerweile ziemlich entnervten Künstlerinnen einen Strich durch die Rechnung – der Vorhang will nicht so, wie er soll – und schon gibt es frustrierte Bemerkungen und Sticheleien. Ob die Zwischenrufe der Regie, die Musiklautstärke oder die Vorhangaufziehgeschwindigkeit kritisiert werden – hier tut man es mit Leidenschaft.

„Gegen Ende der Proben hasst man sich aufs Blut – und nach der Premiere fällt man sich um den Hals und denkt, Menschenskinder, wie sich das gelohnt hat“, sagt der Regisseur.

Als am Ende die Tanzszene sitzt und auch der Vorhang kein Problem mehr darstellt, gehe ich an den rund achtzig Stühlen für die kommenden Vorstellungen vorbei zum Ausgang und hinaus ins bereits spätabendliche Wuppertal. Die Zeit ist schneller verflogen, als ich gedacht habe. Oft kommen mir die Worte Kalkhorsts in den Sinn, das Publikum müsse zu Emotionen und Reflektion angeregt – und nicht berieselt oder gar belehrt werden.

Anscheinend gibt es hier richtig was zu lernen bei den Leuten vom TalTonTheater – beispielsweise die Lust am Überbordenden. Das sei fast das Wichtigste, sagt Jens Kalkhorst bereits am Anfang unseres Gesprächs und ruft in den Raum hinein „Mut zum Pathos, Kinder!“

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